10-Minuten-Aktivierung

Aktivierung von Menschen mit Demenz im Pflegealltag leicht und schnell umsetzen

Pflichtbewußt

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Seinen demenzkranken Menschen zu versorgen und zu aktivieren ist eine schwere Aufgabe. Die 10-Minuten-Aktivierung ist eine geeignete Methode zur fördernden Kommunikation mit alten, dementiell veränderten Menschen. Diese Methode kann von allen Pflegemitarbeitern erlernt und unmittelbar im Pflegealltag angewandt werden. Sie spricht die noch vorhandenen Langzeiterinnerungen alter Menschen an und stärkt ihr Selbstwertgefühl. Nach Erstellung der Grundmaterialien und Einführung in die Anwendung zur täglichen Aktivierung fällt das zeitraubende Vorbereiten herkömmlicher Aktivierungsmethoden weg. So sparen Sie Zeit, die Sie dann für wichtigere Dinge nutzen können. Daher haben wir Ihnen in dieser Sonderausgabe wichtige Informationen zum Thema „10-Minuten-Aktivierung“ zusammengestellt. Zudem lernen Sie einen reichen Schatz an Materialien kennen, mit dem Sie die Lebensfreude bei Menschen mit Demenz wieder wecken können.

Herzliche Grüße

Ihre

Annett Urban und Swen Staack
Chefredakteure „Demenz: Pflege & Betreuung kompakt“

Aktivierung sollte für Sie selbstverständlich sein

Die Aktivierung von Menschen mit Demenz ist mittlerweile keine Sonderleistung mehr, sondern sollte für alle Pflegeeinrichtungen, ob stationär oder stationär, eine Selbstverständlichkeit sein. Sie ist ein Teil der Betreuungspflicht sowie ein wichtiges Qualitätsmerkmal und verschafft Ihrer Einrichtung, je besser sie umgesetzt und kommuniziert wird, viele Vorteile gegenüber Ihren Wettbewerbern.

Mit der 10-Minuten-Aktivierung Menschen mit Demenz aktivieren

Die 10-Minuten-Aktivierung wurde vor 10 Jahren von Ute Schmidt-Hackenberg entwickelt. Sie ist eine Möglichkeit, in Zeiten der Personal- und Zeitknappheit die Ziele einer optimalen aktivierenden und ganzheitlichen Pflege zu realisieren. Die 10-Minuten-Aktivierung kostet nur wenig Zeit in der Vorbereitung und Durchführung. Besonders für Menschen mit Demenz, die häufig nur eine sehr geringe Aufmerksamkeitsspanne haben, hat sich diese Art der Aktivierung in der Praxis gut bewährt.

Hinweis: Die 10-Minuten-Aktivierung bezieht sich grundsätzlich auf die Biografie der Pflegenden. Sie spricht das Langzeitgedächtnis an. Es werden Schlüsselreize gegeben, um das Altgedächtnis anzuregen und möglichst viele angenehme Erinnerungen zu wecken.

Durch Aktivierung sprechen Sie die Sinneskanäle an

Mit der 10-Minuten-Aktivierung regen Sie Körper, Geist und Seele der Betroffenen an. Sie fördert die kommunikativen Fähigkeiten, die soziale Integration und befriedigt das in uns allen vorhandene Bedürfnis nach Geselligkeit. Da diese Aktivierungsform nicht ergebnisorientiert ist, kann es folglich auch keine guten oder schlechten Leistungen geben. Ebenso wenig wie ein „richtig“ oder „falsch“. Diese Leistungsfreiheit ist gerade bei Menschen mit Demenz mit ihren ständigen Versagenserlebnissen von großer Bedeutung und vermittelt ihnen vielfältige angenehme Gefühle. Achten Sie weiter darauf, dass die Aktivierungseinheiten sinnlich ansprechend und kognitiv anregend sind. Sie sollten jedoch nie überfordern.

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Die 10-Minuten-Aktivierung ist in der stationären Pflege möglich

Mit der 10-Minuten-Aktivierung können Sie den Menschen mit Demenz, die stationär, stationär oder in einer Betreuungsgruppe betreut werden, eine professionelle therapeutische Beschäftigung anbieten. Die 10-Minuten-Aktivierung ist deswegen so ideal, weil

  1. Menschen mit Demenz sich nur über kurze Phasen konzentrieren können.
  2. sie auch die Zeitknappheit der Pflegemitarbeiter berücksichtigt.

Die 10-Minuten-Aktivierung ist eine Methode:

  • die nur wenig Vorbereitungszeit erfordert.
  • die dem Zustand des Menschen mit Demenz angepasst werden kann.
  • die jederzeit spontan anwendbar ist.

Die 10-Minuten-Aktivierung ist für alle Erkrankten geeignet.

Dabei spielen die

  • verschiedenen Krankheitsstadien einer Demenz,
  • verschiedenen Biografien,
  • verschiedenen Bedürfnisse,
  • verschiedenen Fähigkeiten (Ressourcen) und
  • verschiedenen Behinderungen (Defizite)

keine Rolle. Zudem kann die 10-Minuten-Aktivierung in der Gruppe (stationäre Pflege, Tagespflege oder Betreuungsgruppen) oder in der stationären Pflege als Einzelaktivierung durchgeführt werden.

Wichtig ist die tägliche Übung

Allerdings hat diese Art der Aktivierung nur dann einen Nutzen, wenn sie möglichst jeden Tag durchgeführt wird. Grundlage ist der gezielte Einsatz vertrauter Gegenstände aus der Vergangenheit. Hierbei sollte stets beachtet werden, dass sehr belastende Themen wie z. B. Vertreibung, Krieg usw. vermieden werden.

Die 10-Minuten-Aktivierung kann während des ganzen Tages angeboten werden. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass gerade für die Aktivierung in der Gruppe die Zeit zwischen 11 und 13 Uhr ideal ist.

Mögliche Angebote der 10-Minuten-Aktivierung können sein:

  • Gegenstände ertasten,
  • Sprichwörter ergänzen,
  • Ballrunde mit Begriffen von A–Z,
  • Zeitreise mit Gegenständen von früher,
  • Gespräche über die Vergangenheit.

Das bewirkt die 10-Minuten-Aktivierung bei dem Menschen mit Demenz:

  • Förderung und Stabilisierung des Gedächtnis-, Auffassungs-, Erinnerungsund Konzentrationsvermögens,
  • Förderung des Sozialverhaltens der Kunden untereinander,
  • Keine kognitive Überforderung durch angemessene Dauer und einfache Angebote.

Das bringt Ihnen als Pflegekraft die 10-Minuten-Aktivierung:

  • Zufriedenheit in Ihrer Arbeit,
  • Verantwortungsgefühl, weil Sie auch therapeutisch tätig werden können,
  • Entspanntes Arbeiten, da Menschen mit Demenz durch das gesteigerte Selbstwertgefühl ausgeglichener sind,
  • Mehr Ausgeglichenheit und Geselligkeit unter den Teilnehmern oder Angehörigen,
  • Verbesserte Kommunikation mit dem Menschen mit Demenz.


Diese Ziele verfolgen Sie mit dem Aktivierungsangebot

Beachten Sie, dass der Mensch mit Demenz seine Fähigkeiten nicht mehr wiedererlangen kann. Daher sollte Ihre Aktivierung auch keine Lernveranstaltung sein. Verfolgen Sie stattdessen das Ziel, mit der Auswahl der Aktivierungsgegenstände die vorhandenen Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten bzw. brachliegende Fähigkeiten zu aktivieren. Wenn Sie Demenzkranke für 10 Minuten pro Tag aktivieren,

  • bringen Sie Struktur, Abwechslung und Normalität in den Alltag,
  • lenken Sie Energien,
  • vermitteln Sie Erfolgserlebnisse: „Ich kann noch etwas!“,
  • machen Sie soziale Erfahrung erlebbar: „Ich gehöre dazu!“,
  • stärken Sie das „Selbst“, die Identität des Kranken,
  • vermitteln Sie Erfahrung: „Ich bin noch jemand!“

Außerdem soll(en) durch die 10-Minuten-Aktivierung:

  • die Kommunikation unter den Pflegekräften und Menschen mit Demenz gestärkt werden.
  • Fähigkeiten, die sich evtl. aus der Biografie ergeben, aufgespürt werden. So ist es möglich, dass Sie die Biografie Ihres Kunden vervollständigen können.
  • Sie als Pflegekraft den Menschen mit Demenz besser kennen lernen.

Diese Mitarbeiter können die 10-Minuten-Aktivierung durchführen

In der Regel können alle Mitarbeiter die 10-Minuten-Aktivierung durchführen. Allerdings sollten diese durch eine interne Schulung fortgebildet werden. Stellen Sie außerdem ausreichend Fachliteratur zur Verfügung.

Eine Stunde ist nicht nur eine Stunde; sie ist ein mit Düften, mit Tönen, mit Plänen und Klimaten angefülltes Gefäß. Was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen. Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

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So bereiten Sie die 10-Minuten-Aktivierung Schritt für Schritt richtig vor

Bevor Sie nun beginnen, Ihren demenzkranken Kunden die 10-Minuten-Aktivierung anzubieten, sollten Sie folgende Vorbereitungen Schritt für Schritt erledigen:

1. Schritt: Überprüfen Sie die Räumlichkeiten

Wenn Sie die Aktivierung in einer Gruppe durchführen, sollte der Raum nicht zu klein und nicht zu groß sein. Wählen Sie einen Raum aus, der gemütlich und hell ist.

Zudem sollte die Möglichkeit bestehen, dass ein Stuhlkreis aufgebaut werden kann. Allerdings sollten Sie darauf achten, dass für Sie als durchführende Pflegekraft die Wege nicht zu lang sind. In der Einzelaktivierung, z. B. in der stationären Pflege, sollte der Raum auch hell und freundlich sein.

2. Schritt: Wählen Sie die richtigen Materialien aus

Hier müssen Sie unterscheiden zwischen

  1. Kundenbezogene Materialsammlungen: Hier stellen Sie für Ihren Kunden eine individuell passende Materialsammlung zusammen. Bei einer Hausfrau umfasst die Sammlung z. B. alte Seifendosen oder ein Waschbrett, für einen Büromitarbeiter z. B. einen Locher, Kohlepapier, und die Sammlung eines ehemaligen Kfz-Mechanikers könnte Werkzeuge oder kleinere Ersatzteile beinhalten. Bei der Auswahl sollten Sie auch stets Hobbys berücksichtigen wie z. B. Briefmarkensammlungen, Sticken, Fußball usw.
  2. Themenbezogene Materialsammlungen: Hierfür wählen Sie Gegenstände aus, die Ihre Kunden von früher kennen oder die zeitlich zu einem Thema gehören.

Hinweis: Wie Sie wissen, sind die gesammelten Informationen auf dem Biografiebogen die Grundlage für eine individuelle Betreuung. Daher spielen die biografischen Daten Ihrer Kunden auch bei der Auswahl der Materialien eine wichtige Rolle.

Ein Budget für geeignete Materialien muss sein

Damit Sie in der stationären Pflege passende Materialien zur Verfügung haben, sollte Ihnen Ihre Einrichtungsleitung für den Einkauf ein ausreichendes Budget zur Verfügung stellen. Alte Materialien bekommen Sie z. B. auf Flohmärkten. Sie können aber auch die Angehörigen Ihrer Bewohner fragen, ob diese Ihnen Materialien zur Verfügung stellen können.

Damit Sie in der stationären Pflege über geeignete Materialien verfügen, ist es notwendig, dass Ihnen Ihr Kunde oder seine Angehörigen ein kleines Budget für Aktivierungsmaterialien gewähren. Fragen Sie hier auch die Angehörigen, ob diese Ihnen noch geeignete Gegenstände zur Aktivierung überlassen können.

Auf die richtige Auswahl kommt es an

Wenn Sie die 10-Minuten-Aktivierung planen, sollten Sie bei der Auswahl z. B. der Aktivierungsgegenstände auf Folgendes achten. Diese sollten

  • einfach,
  • erfolgversprechend,
  • vertraut,
  • biografieorientiert,
  • jahreszeitlich orientiert,
  • praktisch anwendbar

sein.

3. Schritt: Legen Sie Aktivierungskisten an

Legen Sie Aktivierungskisten für einzelne Aktivierungen an (s. Seite 6 in diesem Sonderheft). Denn wenn Sie die einzelnen Aktivierungsangebote thematisch geordnet haben, haben Sie kaum Vorbereitungszeit und alles übersichtlich parat.

So ordnen Sie Ihre Aktivierungsangebote übersichtlich in Kisten:

  • Sie erstellen die Kiste gemeinsam mit den Erkrankten und wenn möglich unter Mithilfe der Angehörigen. Sammeln Sie darin – thematisch sortiert – viele Gegenstände, Fotos usw. aus der Biografie der Demenzkranken, aber auch aus deren Generation und früherem sozialem Umfeld.
  • Beschriften Sie nun die unterschiedlich gefüllten Kisten. Idealerweise finden diese nun in einem für alle gut sichtbaren Schrank oder Regal ihren Platz. Legen Sie eine schriftliche Anleitung mit vielen Anregungen, was mit dieser Aktivierungseinheit alles möglich ist, mit in die Kiste. Natürlich darf diese ständig von Ihnen und Ihren Kollegen erweitert werden.
  • Nun kann jeder, der an der Betreuung des Demenzkranken beteiligt ist – oder auch der Erkrankte selbst –, die Kiste aus dem Regal nehmen und sich selbst oder Bewohner / Patienten gezielt damit beschäftigen.

Tipp: Kleben Sie die schriftliche Anleitung in den Kisteninnendeckel, so geht sie nicht so schnell verloren.

Tüten statt Kisten

Statt der Kisten können Sie auch durchsichtige Plastiktüten oder Blechschachteln verwenden. Der transparente Beutel bietet durch das Knistern einen weiteren sensorischen Reiz. Blechschachteln wiederum sind vielen Kunden aus der Kindheit bekannt und werden häufig mit angenehmen Erinnerungen verbunden (Kekse, Schokolade usw.).

4. Schritt: Legen Sie einen Planungsbogen an

Es empfiehlt sich, die Aktivierungen im Voraus zu planen. Denn dann ist gewährleistet, dass Ihre Kunden nicht täglich mit der gleichen Methode aktiviert werden. Daher sollten Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen die Aktivierungsangebote anhand der Biografie planen und die bisherigen Ergebnisse diskutieren.

Berücksichtigen Sie bei der Auswahl stets die Biografie

Natürlich sollten Sie bei der Auswahl der Aktivierungsangebote stets die Biografie des Einzelnen beachten. So hat mancher Demenzkranke immer gerne mit Werkzeug hantiert. Aktivitäten wie z. B. Wäschewaschen machen ihm dann nur sehr wenig Spaß. Bei anderen wiederum ist der frühere Beruf noch sehr präsent und so kann z. B. eine Bürokiste mit Büromaterialien Zufriedenheit und Ausgeglichenheit bewirken. Hier gilt es wieder, auf die individuelle Biografie zu schauen, zu experimentieren und mit Fantasie und Mut neue Möglichkeiten auszuprobieren.

5. Schritt: Wählen Sie den richtigen Zeitpunkt aus

Die 10-Minuten-Aktivierung kann während des ganzen Tages angeboten werden. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass gerade bei der Aktivierung in der Gruppe die Zeit zwischen 11 und 13 Uhr ideal ist. Zudem sollte stets darauf geachtet werden, dass die Aktivierung regelmäßig angeboten wird und wirklich nur 10 Minuten dauert.


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